posted by: Ralf Rottmann | posted @ Friday, May 16, 2008 3:49 PM | View blog reactions

Eigentlich bin ich kein Fernsehjunkie. Meinen Bedarf an Entertainment und Education befriedige ich primär durch das Lesen guter Bücher und das allgegenwärtige Internet. Mein TV Konsum hat sich in den letzten Monaten auf das exzellente Boston Legal beschränkt, wobei ich in der Regel die DVD Variante in der OV (Original Version) bevorzuge. Das deutsche Privatfernsehen unterbricht seine Sendungen inzwischen ähnlich häufig mit Werbung, wie es in Amerika schon lange Zeit die Regel ist. Qualitativ hochwertige Produktionen leiden zusätzlich häufig auch noch unter der deutschen Synchronisation. Die Pilotfolge von Damages zeigte kabeleins am 28. April 2008 von 21:10 Uhr bis 23:15 Uhr; die absolute Spielzeit dieser Episode beträgt 53 Minuten. kabeleins mutet uns also über 60 Minuten Werbebotschaften zu - unerträglich!

Über Damages wurde viel geschrieben und gesagt, eine knackige und kurze Zusammenfassung findet sich hier.

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Ich bin ein sehr kritischer Kinobesucher und Fernsehzuschauer und kann ohne Übertreigung sagen, dass Damages für mich die beste TV Serie der letzten Jahre ist. Nachdem ich die Pilotfolge werbefrei in Deutsch genossen und sie anschließend noch einmal in der Originalversion angeschaut habe, musste ich Episode 1 - 8 an einem Stück eine ganze Nacht lang anschauen. Episode 9 - 13 habe ich in den letzten Tagen verschlungen.

Damages wartet einerseits mit der bis in jede Nebenrolle besten Besetzung auf, die seit Jahren im TV geboten wird. Die fünffach Oskar nominierte Emmy und Golden Globe Preisträgerin Glenn Close, der dreifache Golden Globe Gewinner Ted Danson und eine überragende Golden Globe nominierte Rose Byrne liefern derart intensive Interpretationen ihrer Charaktere ab, dass man sich ihrer Sogwirkung nicht enziehen kann. Es ist ein Genuß diesem Essemble zuzusehen.

Was Damages für mich tatsächlich unwiderstehlich macht ist darüber hinaus die Inszenierung. Im Unterschied zu vielen amerikanischen Produktionen (Boston Legal, CSI, etc.) sind die einzelnen Episoden der Serie nicht in sich abgeschlossene Teile, die von einem dünnen roten Faden begleitet werden, der sich eher nebensächlich durch alle Folgen zieht. Die Pilotfolge und 12 Episoden von Damages drehen sich ausschließlich um einen einzigen Handlungsstrang. In der Konsequenz kann man keine Folge auslassen und auch nicht mitten in der Serie einsteigen. Das übliche "Was bisher geschah" hilft auch nicht, da in Damages sprichwörtlich nahezu jeder Satz in jedem einzelnen Dialog von Bedeutung für das Verständnis des Gesamtzusammenhanges bekommen wird.

Damages spielt gekonnt mit Rückblenden und Vorschauen und die Pilotfolge beginnt tatsächlich mit einem Ereignis, welches zeitlich gesehen erst in der vorletzten Episode tatsächlich passiert. Schnitt und Inszenierung unterstützen in für mich bislang nicht gekannter Art und Weise diese Erzählmechanik, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal zum Gimick verkommen.

Einzigartig sind auch die Cliff Hanger von Damages. Die Produzenten schaffen es tatsächlich in jeder Episode weitere Teile des Mosaiks so zu enthüllen, dass die Positionen, Haltungen und Absichten aller handelnden Personen um 180 Grad gedreht erscheinen. War man sich als Zuschauer gerade noch sicher wer gut und wer böse ist und welche Motivation zu welcher Handlung geführt haben muss, so wendet sich das Blatt von Folge zu Folge vollständig. Tatsächlich enthält die Schlußszene der letzten Episode (in der Tat in den letzten 15 Sekunden!) eine völlig dialogfreie Sequenz, die alles der vorausgehenden Episoden in Frage stellt.

Beim Spiel mit verschiedenen Zeitebenen und drastischen Positionsveränderungen besteht häufig die Gefahr, dass der Zuschauer auf der Strecke bleibt oder frustiert wird. Zuletzt durften wir in 8 Blickwinkel lernen, wie man es nicht macht. Einen großen Teil der Faszination von Damages macht die bis dato unübertroffen gekonnte Anwendung genau dieser Stilmittel in der Serie aus. Bis ins kleinste Teil nuanciert dosiert und zu jeder Zeit der Erzählung dienend führen die Produzenten den Zuschauer durch das Rätsel von Damages ohne im Finale Fragen unbeantwortet zu lassen. Dass dabei die letzte Episode gleichzeitig aber auch noch eine zweite Season möglich macht, grenzt schlichtweg an Genialität. Damages ist an genau den richtige Stellen dezent unkonventionell. Kein bombastisches Trauermusik Score bei Beerdigungen sondern totale Stille, keine blutige Effekthascherei, keine Schießerei und keine actiongeladene Verfolgungsjagd. Dafür aber ein minutiös durchdachtes Drehbuch mit einem noch nie dagewesenen Gefühl für das richtige Timing.

(By the way: kabeleins erzielte mit Damages im deutschen Markt bislang Horrorquoten. Ursachen sind wahrscheinlich, dass die kabeleins Zielgruppe mit Damages nicht sehr viel anfangen kann, kabeleins den Sendeplatz der Serie kurzfristig verlegte und nicht deutlich genug gemacht wurde, dass ein Mittendrin-Einstieg bei Damages nicht funktioniert.)

Da zu befürchten ist, dass kabeleins rein quotengetrieben die Ausstrahlung von Damages wieder einstellt, empfehle ich allen Filmbegeisterten, sich entweder die DVD der originalen Version zu bestellen, oder über die bekannten Wege die werbefreien deutschen Versionen zu besorgen.

kabeleins zeigt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Eintrages die siebte Episode. In den USA wurde Damages vom 24.07. bis zum 23.10. ausgestrahlt und erzielte Rekordquoten. Die Produktion einer zweiten und dritten Staffel sind bereits beschlossen, die Ausstrahlung von Season 2 in den USA wird für Januar 2009 erwartet.

Hier noch einige Link-Tipps:

  • Die Titelmusik von Damages stammt von der relativ unbekannten Band The V.L.A. und kann auf deren MySpace Seite kostenfrei als Download geladen werden - vorausgesetzt man ist selbst MySpace Mitglied.
  • TVGuide.com führt einen Blog in dem jede Episode kommentiert wird. Achtung: Nicht die Einträge von Episoden lesen, die Ihr noch nicht gesehen habt, da teilweise heftige Spoiler enthalten sind!
  • In dem ebenfalls auf TVGuide erschienenen Beitrag "Burning Final Questions Answered" beantworten die Produzenten in einem äußerst interessanten Interview Fragen zu den Hintergründen einzelner Episoden. Warnung: Auf gar keinen Fall lesen, bevor Ihr nicht alle Episoden gesehen habt!
  • Eine Auswahl von inoffiziellen Bildschirmhintergründen (Wallpaper).

Ich freue mich über Feedback von alten und neuen Damages Fans!

 

comments
Stephan stated:
# re: damages
Folge 1 habe ich jetzt hinter mir, aber die Begeisterung ist noch nicht zu spüren. Schade, dass Alan und Denny jetzt erstmal Pause haben und dann nur noch eine Staffel zum Besten geben. Ist vermutlich besser so.

Und Glenn Close hat tatsächlich zwei N im Namen ;-)
posted on 5/26/2008 10:33 PM
Ralf stated:
# re: damages
@Stephan: Die Begeisterung kommt mit Folge 2 und 3. Also: Weitergucken! :-)
posted on 5/27/2008 7:48 AM
Paralyta stated:
# re: damages
"Die Pilotfolge von Damages zeigte kabeleins am 28. April 2008 von 21:10 Uhr bis 23:15 Uhr; die absolute Spielzeit dieser Episode beträgt 53 Minuten. kabeleins mutet uns also über 60 Minuten Werbebotschaften zu - unerträglich!"
Das ist Quatsch. Kabel 1 zeigte damals die Episoden 1 und 2 (und auch jede weitere Wochen gibt es Damages im Doppelfeature). 97 (53+44) Minuten (inklusive Vorspann und Credits) sind das zusammen. Da Kabel 1 (wie die meisten Sender), dem Zuschauer den Abspann vorenthält, werden es wohl 2 Minuten weniger gewesen sein. Macht also ca. 30 Minuten Werbung in 125 Minuten. Das ist noch etwas entfernt vom amerikanischen Niveau, wo es nun schon fast 20 Minuten pro Stunde sind. Zudem wird im amerikanischen Fernsehen noch öfter unterbrochen. Im deutschen Fernsehen eigentlich immer 3 mal pro Stunde, im amerikanischen 4-6 mal.
Da hat das deutsche Privatfernsehen noch was nachzuholen (ich hoffe sie verkneifen sich das, denn so ist es gerade noch erträglich). Das Vierte hingegen zeigt wie man Werbung nicht plazieren sollte: Dort wird gefühlt alle 10 Minuten pausiert und ich schalte reflexartig weg und kehre entweder zu spät oder gar nicht mehr zurück. Dort habe ich wirklich noch keine Serienepisode oder gar einen Film zu Ende schauen können. Eine Katastrophe.

Zu Damages:
Die Serie ist ganz okay, zwar ist sie nicht der Überhammer, aber doch ganz brauchbar in diesem Sommer. Mir fehlte insgesamt gesehen noch der letzte Dreh Kuriosum, Action oder Suspense. Meiner Meinung nach hätte man die Geschichte auch auf die Hälfte der Episoden erzählen können, da die Nebengeschichten nicht viel hergeben.

Wie man das besser macht, zeigen beispielsweise: The Shield & Veronica Mars

Diese beiden zeigen eindrucksvoll, wie man eine staffelübergreifende Geschichte erzählt und nebenbei noch ausreichend Platz für Nebenplotts und/oder die harakterentwicklung der Darsteller verbindet. So was wird höchstens noch von solchen Meisterwerken wie The Sopranos, The Wire, Six Feet Under oder Twin Peaks getoppt.
posted on 5/29/2008 10:37 PM
Ralf stated:
# re: damages
@Paralyta:

Danke für die Richtigstellung bezogen auf die Werbung. Grundsätzlich ändert sich aber nichts an meiner Aussage: Episoden mehrfach durch Werbung unterbrochen entfalten nicht mal ansatzweise die Wirkung, wie sie dies tun, wenn man sie ungestört "am Stück" erleben darf.

Deine Einschätzung über "Damages" teile ich nicht - aber das ist ja, wie so oft, Geschmackssache!
posted on 5/29/2008 10:47 PM
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