posted by: Ralf Rottmann | posted @ Wednesday, March 28, 2007 9:12 AM | View blog reactions

Die Deutsche Bahn verkauft Fahrkarten – und zwar unendlich viele, zumindest theoretisch. Ein Bezug zwischen vorhandenen Beförderungsplätzen und verkauften Tickets für eben diese wird dabei nicht beachtet.

Der Reihe nach:

Ich bin stolzer Inhaber einer BahnCard 50-1st und nehme darüber hinaus noch am bahn.comfort Programm teil, eine Art Miles & More für Arme. bahn.comfort – obwohl eigentlich nicht Gegenstand dieser Untersuchung – ist an sich schon eine genauere Betrachtung wert. Im Grunde bietet es zwei fundamentale Vorteile für Bahn-Vielfahrer:

  • Fährt man jeden zweiten Werktag Bahn bekommt man einmalig 1 alkoholisches Getränk und 1 Erbsensuppe kostenfrei.

  • Hat man keine Sitzplatzreservierung gebucht, ist man autorisiert wildfremde Mitreisende von ihren Plätzen zu verdrängen. Es sei denn, diese können sich selbst als bahn.comfort Frequent Railwayer ausweisen und haben ihrerseits bereits vorab Passagiere von ihren Plätzen verdrängt. Oder führen Waffen mit sich. Oder man empfindet es vielleicht einfach als ein wenig unangenehm mit seinem Mitgliedsausweis vorzusprechen und sich einen Sitzplatz freizukämpfen.

Zurück zum Thema:

Unlängst buchte ich gemeinsam mit einem Geschäftspartner eine Reise vom Dortmunder Hauptbahnhof zum neuen Berliner Hauptbahnhof. First Class, versteht sich, allerdings ohne Sitzplatzreservierung, da diese kurzfristig vom Online Buchungsportal der Bahn nicht mehr angeboten wurde.

Im Zug stellte sich heraus, dass es in der First Class aufgrund der die Bahn jedes Jahr aufs Neue überraschenden CeBIT keine Sitzplätze mehr gab. Alternativ hätten wir uns in unseren Anzügen auf die Trittbretter zwischen den Wagons legen können – vorausgesetzt, diese wären nicht bereits durch Familien und allein reisende Kinder besetzt gewesen.

Verständnis aufbringend für die Unplanbarkeiten des ÖPNV haben wir uns auf den Weg in die Zweite Klasse gemacht – mit minderem Erfolg, denn auch dort waren sämtliche Plätze bereits vergeben. Die Aussicht auf dreieinhalb Stunden stehend reisen, bei einem First Class Ticketpreis machte nicht unbedingt gute Laune.

Hier könnte die Geschichte enden, wäre da nicht der Bahnangestellte!

In etwas abgewetztem, neo-konservativen rot-blauem Bahn-Kostümchen mit dem obligatorisch mit Tesafilm zusammengeflickten Fahrkarten-Prüf-Terminal an der herabhängenden Schulter bewaffnet, nähert sich der Kundenberater uns — Gesicht bereits mit “Hier können Sie nicht stehen bleiben” Miene.

Er: “Hier können Sie nicht stehen bleiben.”

Mein Partner (MP): “Dann müssen Sie uns aus dem Zug werfen.”

Ich: “Denn sitzen können wir ja nirgends.”

Er: “Aber hier können Sie nicht stehen bleiben.”

MP: “Wie sieht denn Ihr Lösungsvorschlag aus?”

Er: “Sie können hier nicht stehen bleiben.”

Es folgt die originalgetreue Wiedergabe eines atemberaubenden Beispiels der Einwand-Behandlung, wie sie allen Bahn-Mitarbeitern hoffentlich heute und in Zukunft auch weiterhin in Form von Trainingsmassnahmen zuteil kommen gelassen werden:

Ich: “Nehmen Sie das bitte nicht persönlich, aber ist es denn wirklich unser Problem, wenn wir ein First Class Ticket kaufen und die Bahn gar keine First Class Plätze mehr anbietet?”

Er (verwirrt): “Aber unsere Kunden verlangen von uns Flexibilität. Sie wollen Reisen, wann sie wollen.”

Ich: “Ich habe durchaus Verständnis für die logistischen Probleme und Unplanbarkeiten, die sich daraus ergeben, aber…”

Er (unterbricht): “Da wird einfach gebucht und dann wird angenommen, dass wir auch fahren. Sagen Sie mir mal, wie wir das denn machen sollen.”

MP: “Es ist ja grundsätzlich nachvollziehbar, dass Sie nicht unendliche Kapazitäten freihalten, aber wieso ist es denn möglich online Fahrkarten für eine Klasse zu buchen, wenn die Bahn ganz genau weiß, dass bereits alle Plätze belegt sind?”

Ich: “Wieso kommt denn dort kein Hinweis auf die Buchungssituation und das nächst preiswertere Ticket wird angeboten?”

Er (Zitat): “Uns ist es doch scheißegal was Sie buchen. Wir haben nur eine Beförderungspflicht.”

Ich (latent fassunglos): “Das heißt genau genommen, die Bahn verkauft auch dann noch First Class Tickets zu First Class Preisen, wenn bekannt ist, dass die Passagiere gar nicht mehr First Class reisen können?”

Er: “Das ist Eisenbahngesetzt. Lesen Sie das mal nach.”

Ich: “Das ist systematischer Betrug.”

Er: “Steht so im Eisenbahngesetzt. Können Sie nachlesen.”

MP: “Können wir denn jetzt hier stehen bleiben?”

Er: “Sie können hier nicht stehen bleiben.”

Ich: “Bitte nehmen Sie das wirklich nicht persönlich, aber wie wäre es denn, wenn die Bahn uns den Unterschied zwischen First Class und der tatsächlich nutzbaren Leistung – ein Stehplatz zwischen Mitrupa-Mikrowelle und unsauberem WC – rückwirkend erstattet?”

Er: “Ich nehme das nicht persönlich. Wenn man das den ganzen Tag hört, hört man es schon gar nicht mehr.”

MP: “Ach so, Sie haben so viele unzufriedene Kunden, dass Sie schon gar nicht mehr zuhören?”

Er: “Genau.”

Soweit der Dialogverlauf im Original.

Der erzielte Kompromiss war übrigens, dass wir uns nach einer ausführlichen Belehrung über die Risiken des Reisens-im-Stehen-in-der-Nähe-der-Board-Küche doch für den Rest der Fahrt genau dort stehend aufhalten durften.

Ab jetzt wird übrigens geflogen: Die Strecke Dortmund – Berlin mit der Luftfahrtgesellschaft Walter für garantierte 99,00 € – im Sitzen. Mit höflichem Personal. Mit Kundenorientierung. Und garantierter Ankuft ohne Verspätung.

Die bahn.comfort Karte wird gekündigt. Die Möglichkeit räumt zwar das Eisenbahngesetz nicht ein, wohl aber die AGBs der Beförderungspflichtigen.

 

comments
Stephan stated:
# re: bahn.comfort - Ein Tatsachenbericht
Ich bin ja auch ein großer Freund des Online-Portals der Bahn. Grandios, wenn man sich an sein Passwort erinnern will und dann die gesamte Strecke neu klicken darf.

Immerhin habe ich bislang noch keine derartigen Probleme gehabt. Allerdings geht es morgen ohne Reservierung nach Bonn und zurück, ich merk mir schon mal den Platz im Bistro vor ;-)
posted on 9/12/2007 12:31 PM
Jotti stated:
# re: bahn.comfort - Ein Tatsachenbericht
Was man so alles erleben darf. Du hast jedoch die Rammsteinhörenden Teenies vergessen.
posted on 9/12/2007 12:31 PM
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